Als Kind hat mein Vater jedes Jahr zum Internationalen Frauentag am 8. März meiner Mutter, meiner Schwester und mir Rosen geschenkt. Damals habe ich mich über die Wertschätzung einfach gefreut, heute verstehe ich, welche Bedeutung der Tag für die Gleichstellung hat und warum er so viel mehr als ein Relikt vergangener Kämpfe ist.
Gleichberechtigung ist kein „Nice-to-have“. Sie ist Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit und demokratische Stärke. Und genau dafür braucht es uns alle.
Vor über 100 Jahren entstand der Internationale Frauentag aus dem Kampf um grundlegende Rechte. Vieles von dem, was heute selbstverständlich erscheint, musste hart erkämpft werden. Dass Frauen wählen dürfen, eigenständig Verträge schließen oder ohne Zustimmung eines Ehemannes arbeiten können, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Bewegungen und politischer Auseinandersetzungen. Fortschritt ist dabei kein Selbstläufer. Rechte, die errungen wurden, müssen verteidigt und weiterentwickelt werden. Was in vielen Jahren politischer Auseinandersetzung erreicht wurde, sind echte Meilensteine. Und gleichzeitig sind wir von echter Gleichstellung noch immer entfernt.
Frauen verdienen im Durchschnitt weiterhin weniger als Männer. Insbesondere dann, wenn strukturelle Faktoren wie Teilzeit, Branchenwahl oder Karriereunterbrechungen betrachtet werden. Hinzu kommt die sogenannte Rentenlücke: Frauen sind deutlich häufiger von Altersarmut betroffen, weil sie über ihr Erwerbsleben hinweg weniger verdienen, häufiger in Teilzeit arbeiten oder unbezahlte Sorgearbeit übernehmen.
Die Verteilung von Care-Arbeit ist ein zentraler Punkt. Noch immer leisten Frauen den Großteil unbezahlter Arbeit in Familien: Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Organisation des Alltags. Diese Arbeit ist unverzichtbar für unsere Gesellschaft – doch sie wird wirtschaftlich kaum anerkannt. Wenn wir über Gleichstellung sprechen, sprechen wir daher auch über strukturelle Rahmenbedingungen: über verlässliche Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitmodelle und partnerschaftliche Aufteilung von Care-Arbeit.
Auch in Führungspositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sind Frauen weiterhin unterrepräsentiert. Zwar gibt es Fortschritte – auch durch gesetzliche Regelungen – doch von echter Parität sind wir noch entfernt. Repräsentation ist kein Selbstzweck. Unterschiedliche Perspektiven führen zu besseren Entscheidungen. Vielfalt stärkt Innovation, fördert wirtschaftlichen Erfolg und erhöht die Legitimität politischer Prozesse. Eine demokratische Gesellschaft sollte die Lebensrealität aller Menschen in ihren Entscheidungsstrukturen abbilden.
Und genau diese Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten stellt der Internationale Frauentag in den Mittelpunkt. Er erinnert uns daran, dass Gleichstellungspolitik kein Randthema sein darf. Chancengerechtigkeit bedeutet, dass Herkunft, Geschlecht oder soziale Lage nicht über Lebenswege entscheiden dürfen. Dieses Versprechen ist zentral für unsere Demokratie.
Dabei geht es nicht um eine Politik „für Frauen gegen Männer“. Feminismus bedeutet, sich gegen strukturelle Benachteiligung und einengende Rollenbilder zu wenden – für alle Geschlechter. Auch Männer profitieren von einer Gesellschaft, in der traditionelle Erwartungen hinterfragt werden. Wenn Fürsorgearbeit nicht mehr als „weibliche Aufgabe“ gilt, wenn Väter selbstverständlich Elternzeit nehmen und wenn Erwerbsarbeit nicht das alleinige Maß für gesellschaftliche Anerkennung ist, gewinnen wir alle an Freiheit.
Gleichzeitig beobachten wir in vielen Ländern und auch in Teilen unserer eigenen Gesellschaft Gegenbewegungen. Errungenschaften der Gleichstellung werden infrage gestellt und feministische Anliegen abgewertet. Das Tempo der Rückwärtsrolle ist bedauerlicherweise schneller als jeder Fortschritt erreicht wurde. Das zeigt: Gleichstellung ist kein abgeschlossenes Kapitel.
Der Frauentag ist deshalb mehr als ein symbolischer Blumengruß. Er sollte immer wieder die Fragen aufwerfen: Wo stehen wir? Welche Fortschritte wurden erreicht? Wo bestehen weiterhin Ungleichheiten? Und welche konkreten Maßnahmen braucht es, um diese abzubauen?
Eine gerechte Gesellschaft ist keine Selbstverständlichkeit und entsteht nicht einfach so. Sie braucht politische Gestaltung, gesellschaftliches Engagement und die Bereitschaft, bestehende Strukturen zu hinterfragen.
Deshalb brauchen wir den Frauentag – nicht als einmaliges Ereignis im Kalender, sondern als Impuls für ganzjährige Arbeit an einer solidarischen und gerechten Gesellschaft. Er ist Anlass, innezuhalten, zu würdigen, was erreicht wurde, und zugleich entschlossen weiterzugehen.
~ Wir danken Anneka Klamt für diesen Artikel. ~